Museumsgespräch / museumtalk, 2014

„Museumsgespräch / museumtalk“, 2014, permanente Live-Performance, während der 3-monatigen Ausstellung Tau im KIT – Kunst im Tunnel, Düsseldorf, 2014

Text: von Dorothee Mosters

museumtalk – ob du es willst, oder nicht! Zu der Performance der Künstler Tomas Kleiner und Marco Biermann.

Ein Gespräch, das Nerven kostet, das beschämt und von dem man sich doch nicht so ganz entfernen will.

Es gibt diese Selbstdarsteller, die unverblümt ihre letzten Errungenschaften in das Mikrofon des Handys brüllen – ohne Punkt und Komma. Wem gelten diese Informationen überhaupt? Dem Partner am Ende der Leitung oder dem Unbekannten Sitznachbarn in Bus, Bahn oder Café? Immer wieder begegnen wir im öffentlichen Raum befremdlichen Gesprächen, die offensichtlich auch für den öffentlichen Raum bestimmt sind. Menschen lassen Fremde an intimen Themen teilhaben, ob sie wollen oder nicht und so entsteht unweigerlich der Zwang zum Zuhören.

Tomas Kleiner und Marco Biermann haben sich für ihre Performance „museumtalk“ alltägliche Gesprächssituationen in der Öffentlichkeit zum Vorbild genommen und sie bis auf die Spitze getrieben. Als Teil der Ausstellung „TAU“ die im KIT – Kunst im Tunnel vom 29.11.2014 bis zum 22.02.2015 zu sehen war, intervenierten sie zu unregelmäßigen  Terminen in den Ausstellungsrundgang der Besucher. Durch die zwei Komponenten Sprache und Bewegung nahmen sie ohne jegliche Ankündigung den Raum ein. Diese Performance hatte kein Produkt vor Augen, sie war zu jeder Zeit unterschiedlich, nicht wiederholbar und immer abhängig von ihrer Umwelt.

Die beiden Künstler entwickeln prozesshaft ihre Arbeit und passten die Gesprächsthemen, die Körpersprache, die Lautstärke und die Kontaktaufnahme den Besuchern an. Immer wieder irritierte die Besucher die Unangemessenheit der Gespräche von Kleiner und Biermann im so ordnungsbehafteten Museumsraum. Mal schrien sie durch den gesamten Raum, ein andermal flüsterten sie hinweg über die Köpfe der Besucher und rückten ihnen buchstäblich immer näher. Dabei ist ihr Handeln geprägt von einer Form erhaltenden Ignoranz, die permanent auf einem schmalen Grad zwischen Humor und Provokation wandert. Die Themen bewegten sich zwischen Unsinn, Intimität und Monologisierung.

Die Arbeit „museumtalk“ stellt die Privatsphäre auf die Probe. Sowohl die der Künstler durch seelische Entblößung, körperliche und sprachliche Grenzüberschreitung als auch die der Besucher, deren Behaglichkeit bis aufs äußerste angegriffen wird. Zudem drängt das Werk auf seine unmittelbare Auseinandersetzung, sofern man sich entscheidet zuzuhören. Während die übrigen Werke selbstbestimmt betrachtet werden können, nutzen die beiden Akteure die performativen Eigenschaften und umgeben den Besucher mit akustischer Präsenz, wann sie wollen. Der kulturelle Schutzraum Museum wird dekonstruiert und fungiert als Raum für eine Performance in Art einer sozialen und psychologischen Versuchsanordnung, die nicht ausgewertet wird. Das Künstlerduo will Situationen schaffen, die die Gewohnheitsstrukturen zu Nichte machen. Ihre Arbeit erzeugt erfassbare körperliche Reaktionen und fordert in offensiver Art die Auseinandersetzung mit der ge- und erlebten Kunst! Was blieb war auf der einen Seite Betroffenheit, Flucht, Aufmerksamkeit, Aggression und kritische Wahrnehmung, allerdings wurde die Intervention bisweilen nicht als Teil der Ausstellung wahrgenommen oder gar ignoriert und übersehen.

Marco Biermann und Tomas Kleiner schaffen keine Bühnensituationen, sie erarbeiten sich Interventionsräume ohne Anfangs oder Endpunkt in öffentlichen Einbahnstraßen.

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