Kleidertausch, 2015

Mehrtägige Live-Performance, unangekündigt, Rundgang Kunstakademie, Düsseldorf, 2015

 

Text: Dr. Barbara Oettl

Zwei Performer tauschen ihre Kleider im teil-öffentlichen Raum der Kunstakademie Düsseldorf unentwegt hin und her und machen so eine künstlerische Form sichtbar die gleichzeitig im Begriff ist, in der scheinbaren Alltäglichkeit und Normalität zu verschwinden.

Tomas Kleiners und Marco Biermanns Performance Kleidertausch beginnt ohne viel Aufhebens: für die Besucher der Ausstellungsräume an der Düsseldorfer Kunstakademie kaum merklich, beziehen die beiden Künstler Position im Raum. Der räumliche Abstand zwischen den beiden umschließt einerseits das Publikum und erlaubt dem Betrachter andererseits gebührende Bewegungsfreiheit, vermag jedoch nicht darüber hinwegzutäuschen, dass beide in ihrem Tun aufeinander Bezug nehmen. In der nun beginnenden schlichten wie eingehenden Performance entledigen sich die beiden Künstler in ruhigen, in sich gekehrten Bewegungen ihrer Kleidungsstücke, um diese anschließend inmitten der Menge zu tauschen. Mit der Geste des sich gänzlich Entkleidens, dem kurzen Moment der Nacktheit und dem darauffolgenden Anziehen der Kleider des jeweils anderen, erzeugen sie inmitten des öffentlichen Raumes einen Ort der zugleich vertraut, freundschaftlich und symbolisch aufgeladen erscheint.

Sich auszuziehen, kurzzeitig nackt zu sein, sind Begebenheiten unseres Alltags und dennoch herrscht zu diesem Zeitpunkt der Performance und da beide Künstler nackt sind höchstmögliche Aufmerksamkeit ob ihres Handelns: Während ein Teil des Publikums geneigt ist, dem Voyeurismus stattzugeben, üben sich weitere Anwesende in aktiver Ignoranz. Die von den beiden Akteuren ausgeführte, uns allen vertraute Verrichtung, kollidiert hier mit dem gleichermaßen so intimen Akt des Sich-Entblößens gerade weil sie im öffentlichen Raum stattfindet. So entsteht eine Dichotomie zwischen einer allseits geläufigen Situation, die im privaten Raum, allenfalls in der geschützten Atmosphäre einer Umkleide stattfindet und unter normalen Umständen einem bestimmten Zweck zuzuführen ist, und dem scheinbar zweckfreien Unterfangen der beiden Künstler. Deren Nacktheit – das heißt die Nacktheit des anderen, der nicht wir selbst sind –, entstammt einem der Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglichen Bereich und erscheint somit im Verhältnis zum öffentlichen Raum weder zu rechtfertigen noch ziemlich.

Hier erschließt sich eine weitere Unstimmigkeit zwischen einer Kunst im öffentlichen Raum, die – gerade weil sie uns vertraut ist – oftmals unbeachtet bleibt. Statische oder herkömmliche Kunst des öffentlichen Raumes gilt als eine Selbstverständlichkeit.

Bemerkenswert an dieser – so Robert Musil – sei, wie wenig diese Kunst bemerkt werde. Aufmerksamkeit erlange sie lediglich, indem man um sie herum, also ihr aus dem Weg gehen müsse. Auch dem Kleidertausch ist man geneigt auszuweichen. Allerdings nicht, weil das, was zunächst unmerklich begonnen wird ebenso unmerklich zu Ende ginge, sondern weil die durch Tomas Kleiner und Marco Biermann herbeigeführte Konstellation in ihrer Verquickung von Unauffälligkeit und gleichzeitiger Augenfälligkeit unsere Aufmerksamkeit an sich bindet. In jeglicher Hinsicht durchbricht und erweitert die Performance des Kleidertausches unsere (Selbst-) Wahrnehmungs- und Bewusstseinsgewohnheiten.

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