Anlieger / neighbours, 2016

3-kanalige Video- und 2-kanalige Sound-Live-Collage, Von den Strömen der Stadt, Museum Abteiberg, Mönchengladbach, 2016

 

->Link: Den Video-Trailer gibt’s übrigens auch auf Vimeo

 

Text: Susanne Titz

„Anlieger“ ist ein Gefüge von Szenen aus der Nachbarschaft. Es sind insgesamt fünf Kanäle, aus denen Bild und Ton kommen: drei Kameras und zwei Mikrofone. Die Aufnahmen sind voneinander getrennt, sie zeigen ein Nebeneinander von drei visuellen und zwei akustischen Projektionen. Im Museumsraum, der diese Arbeit aufführt, sind drei Projektoren auf Ständern und zwei Paare Lautsprecher aufgestellt, umgeben von einer großen Menge an Kabeln.

Die Berge schwarzer Kabel, in Zeiten vondrahtlosen, akku- und elektrowellen getragenen Medien eine komplett atavistische und sperrige Umständlichkeit dieser Installation, sind die Verbindung zwischen Innen und Außen, Museum und Nachbarschaft. Fünf Performer sind parallel mit verkabelten Geräten in die umgebenden Häuser gezogen, aus dem Museum heraus die Kabel hinter sich her ziehend wie eine Nabelschnur. Oder – treffender – wie einen Rüssel, der Augen und Ohren erweitert und es nun verursacht, in diese Orte einzudringen, sich in sie reinzuschieben, über Mauern hinweg, hinter die Mauern.

Die Orte der Aufnahmen bleiben privat und anonym, nur zwei Bewohner zeigen sich wie still gestellt auf einem Sofa sitzend, ansonsten bewegen sich Kamera, Mikrofon, Performer und Bewohner wie suchend und zoomend durch die Räume, lassen dabei knappe Szenen erkennen, die auf ein Miteinander hindeuten – Füße waschen, Karten spielen – doch alles Weitere unbestimmt im zufälligen Sammelsurium der Menschen und ihrer Räume stehen.

Anlieger, Videostill, courtesy the artists

Anlieger, Videostill; courtesy the artists

Anlieger, Videostill, courtesy the artists
Videostills: courtesy the artists

Ähnlich wie in ihren koproduzierten Performances geht es Tomas Kleiner und Marco Biermann auch hier um ein Vorhaben geringsmöglicher Beeinflussung des Alltags, eine Video-Ton-Performance, die Intimes und Privates sichtbar veröffentlicht, doch es an diesem Ort belässt und es gewissermaßen schützend erhält. Die Produktion von „Anlieger“ hat viele mögliche Referenzen. Psychologisch geht der Blick von Selbst auf Andere, von den langen Szenen in Bruce Naumans „Studio“ in die langen Szenen eines jeden Haushalts. Didaktisch drängt das Prinzip Kleiner/Biermann

runter von der Bühne. Dies wirkt sehr akut und gegenwärtig, weg vom Theatralischen, von jener Bühne, die heute allgegenwärtig ist, unweigerlich und spontan aufgebaut mit jeder Kamera, jedem Smartphone-Snapshot, jeder Minute Reality TV. Die Definition der künstlerischen Performance, seit den Handlungsfiguren von Andrea Fraser oder Tino Sehgal auch eine didaktische Frage zur Auseinandersetzung mit der Gesellschaft der Gegenwart, ist in diesen Arbeiten nochmals neu gesetzt. Kleiner und Biermann betreiben in ihren Performances eine Invasion in den Alltag und schieben sich fast unbemerkt in ihn hinein. Sie produzieren fast unsichtbare Aufführungen vom Privaten („Kleidertausch“, 2015) und Bilder vom fast Unsichtbarem, weil Privatem. Diese visuellen und akustischen Bilder, die beispielsweise in „Anlieger“ von einem Nachbarschaftsraum in den anderen dringen, sind dann letztendlich Porträt und Genre mit anderen Mitteln, neu formuliert und auf interessante Weise nah an Kollegen wie Wolfgang Tillman, d.h. an ‚straight photography’.

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