„Kaffee und Haut“

Video- und Live-Performance im Antichambre, Hotel Friends, Düsseldorf

Vom Waschmittelgeruch hineingeleitet wird das körperliche Durchqueren des verdunkelten Raums zunächst von mehreren, quer durch den Raum gespannten Wäscheleinen unterbrochen. An noch feuchten T-Shirts, Socken und Boxershorts vorbei, führt der Blick aber bereits weiter, gerichtet auf zwei wandfüllende Videoprojektionen. Während das frontale Video zwei Performer unter der Dusche zeigt – ein wechselseitiges Einschäumen und behutsames Massieren des Kopfes, – greift das Video auf der rechten Seite das Zubereiten eines Kuchens auf – das kräftige Zusammenrühren und Ausbreiten des Teiges – gemeinsam, mit den Händen des Anderen.

Zur linken Seite gedreht, führt ein schmaler Gang, bespielt von einer ca. 60 x 40 cm großen Projektion, die ein Zahnputzszenario aufgreift, in einen weiteren Raum. Hier, begleitet von einem latent-beiläufigen Vogelgezwitscher, sind zur rechten Seite erneut zwei wandfüllende Videos zu sehen, die ein manuelles Fortbewegen der Füße im Grünen und ein gemeinsames Einpflanzen von Keimlingen zeigen. Sich umschauend, fällt der Blick, neben einer weiteren Minivideoprojektion, zugleich auf einige im Raum verteilte Objekte – als prospektivische Performance-Leftovers: Säcke mit Erde, Pflanzen und ein Kaffeetischchen mit Kaffeezubehör…

Das assoziative Zusammenfügen der Objekte sowie das aufmerksame Beobachten der Handlungen in den Videos machen deutlich, was im Fokus der Arbeit steht. Während die Bilder auf den ersten Blick schlicht ein gemeinsames Ausführen von alltäglichen Handlungen suggerieren, wird auf den zweiten Blick jedoch ersichtlich, dass die Arbeit eben jenes Momentum des ‚Mit-Einanders‘ in Frage stellt, denn es sind immer die Hände des Anderen, mit denen die Tätigkeiten ausgeführt werden.

Die installative Video- und Performancearbeit des Künstlerduos Tomas Kleiner und Marco Biermann setzt sich mit einem feinmotorischen Aufeinander-Angewiesen-Sein auseinander. In Situationen des Alltäglichen verortet, experimentieren Kleiner und Biermann mit Momenten eines körperlichen Ausgeliefert-Seins, deren Vorzeichen immer wieder kippen. Während eine klar konturierte Situation – das Kaffeekochen – zunächst mit einer abgrenzbaren Rollenverteilung einsetzt (wer benutzt wessen Hände zu welchem Zweck), kehrt diese immer wieder um und lässt Momente einer Unbestimmtheit entstehen, die keine stabile Zuordnung mehr zulässt. So bringt das gemeinsame Agieren Zwischenräume hervor, die unentwegt zwischen Unterstützen, Instrumentalisieren, Sich-Ermächtigen über den Körper des Anderen, Sich-Fügen und Sich-Führen-Lassen changieren.

Die in Loops gezeigten Videoprojektionen (vier wandfüllende; zwei im A2-Format), sowie die als Live-Performance ausgeführten Handlungen (Zubereiten von Kaffee / Abhängen der Wäsche / Eintopfen der Pflanzen) thematisieren ein wechselseitiges Erspüren von Bewegungen, von der Körperlichkeit des Anderen, aber auch vom Körper als einem Material, einem Werkzeug mit einer eigenen Widerständigkeit. Jedoch verweilt die Arbeit zugleich nicht bloß im Modus der Darstellung. Die haptisch stark aufgeladenen Bilder, die greifbaren, im direkten Sinne über den Geruch inkorporierbaren Objekte im Raum erzeugen ein gesteigertes Materialitätsverhältnis, welches eine direkte körperliche Ansprache produziert. Auf diese Weise wird die Installation selbst zu einem Erfahrungsraum, der die Materialität und Körperlichkeit des Anderen verhandelt, ohne diese jedoch in einer eigenen taktilen Erfahrung aufgehen zu lassen.

Gesteigert wird diese ambige Erfahrung in den drei Live-Performances, die ihrerseits drei alltagspraktische Situationen aufgreifen. Ob beim Zubereiten eines Kaffees, dem Abhängen der Wäsche oder dem Eintopfen von Pflanzen – die Handlungen als materielle Akte werden vor allem in ihrer zeitlichen Ausdehnung spürbar. Während das Kaffeekochen als eingeübte, eigenständige Handlung ca. vier Minuten beanspruchen würde, wird es hier auf das knapp Vierfache der Zeit ausgedehnt. Auf diese Weise geht die Erfahrung der Performance über das quasi-distanzierte Beobachten hinaus, denn was sich einstellt, ist ein Spüren der Prozesse als Handlungen. So erzeugt die Materialität der Performances eine Form der körperlichen Involvierung, die die Widerständigkeit des Körpers des Anderen, aber auch die Widerständigkeit der Kaffeebohnen unter entglittener motorischer Kontrollierbarkeit sicht- und spürbar werden lässt. Damit werden die persönlichen Alltäglichkeiten zu einem Experimentierfeld eines stetigen Changierens, zu Situationen, die die Privatheit von eingeübten Handlungen verschieben und zu einem Verhandlungsfeld machen, welches das Mit-Einander zu einer widerständig ambigen und zugleich sich der Kontrolle entziehenden, achtsamen und sensitiven Praktik werden lässt.

Die Arbeit ist entstanden im Rahmen der Performancereihe Curated Shame (12.05-06.06.2019, Antichambre Hotel Friends, Düsseldorf), die sich mit Fragen nach der Zeig- und Sichtbarkeit von Scham auseinandersetze. Im Fokus standen zum einen Momente des kuratorischen Arbeitens (was passiert mit künstlerischen Arbeiten / Objekten im Modus eines institutionellen Zeigens) und zum anderen Fragen nach Entgrenzungen und Verhandlungen von Intimität und Privatheit.

Text: Svetlana Chernyshova

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