stay gold, 2015

5-kanalige Live-Bild-Sound-Collage, 3 Handkameras/ 3 Projektionen, 2 Mikrophone/ 2 Lautsprecher, 5x200m Kabel, Maße variabel, 3-stündige Live-Aktion, Kunstraum am Fürstenplatz, Düsseldorf, 2015

 

Text: Markus Ambach

Tomas Kleiner und Marco Biermann bewegen sich mit ihrer Arbeit „Stay Gold“ auf ganz eigene Weise in den öffentlichen Raum hinein. Im digitalen Zeitalter von Wlan und drahtlosen Netzverbindungen fallen gleich bei der Ankunft am Projektraum, in dem sie ihre Arbeit verortet haben, die langen Kabelstränge auf, die zunächst in das Gebäude hinein zu führen scheinen. Im Raum selbst findet man drei miteinander konfrontierte Projektionen, die ganz im Stil des „Dogmas“ bei Lars von Trier mit bewegungsreicher Handkamera gedreht scheinen.

 

Lapidare Szenen, detailverliebte Nahaufnahmen, nahezu belanglose Alltagssequenzen und spannungsreiche Momentaufnahmen halböffentlicher Szenerien reihen sich offensichtlich recht unchoreografiert aneinander. Die lose Folge der Bilder entlässt einen relativ zügig aus dem klassischen Betrachtermodus und definiert die Dauerprojektion als installatives Element, was den Blick zurück auf die vorhandene Technik lenkt. Die aufwendigen Kabelstränge, die die Vermutung einer Liveübertragung im prominenten TV- Format nahelegen, werden dabei zur analogen Spur, die von den Projektoren wiederum nach draußen in den öffentlichen Raum führt. Gleich vor der Tür gabelt sich das Geflecht in verschiedene Stränge, die den Bildern im Raum zuzuordnen nicht schwerfällt. So folgt man ihrem Verlauf hinaus aus dem abgedunkelten,  ermetischen Raum der Kunst auf den Bürgersteig, über Zebrastreifen und Hotelvorfahrten, vorbei an Baumscheibengärten, situativ auffälligen Belanglosigkeiten und Hundehaufen bis zum Ursprung des digitalen Signals, das hier vollkommen analog übertragen wird. Am Ende der langen Leitung findet man Kameramann und Tonfrau (wie auch umgekehrt), die hier gerade den örtlichen Spielplatz untersuchen, eine Wohnung inspizieren oder beim benachbarten Friseur dem Barbier und seinem Delinquenten schon fast unangenehm naherücken.

 

Was bei den Bildern im Raum künstlerisch stilbildend war, wird hier zur Realität. Die Nahaufnahmen, Details und verwacklungsreichen Impressionen von Gegenständen, Räumen und Personen werden hier zurückführbar auf den unmittelbaren, ungefilterten Einsatz der Kamera. Nicht nur diejenigen, die den untersuchten Raum bevölkern, auch die Kameramänner- und -frauen selbst werden dann und wann zum Objekt der Begierde, was die gegebenenfalls journalistische, dokumentarische oder distanzierte Perspektive von Künstlern und Kamera aufgibt, um die verschiedenen Akteure, Positionen und Räume zu einem situativen wie ebenbürtigen Geflecht zu verweben. Die objektivierende Funktion der Kamera verliert sich zugunsten eines subjektivierten Blicks auf einen auch dem Schauenden unbekannten Raum, den er mit uns teilt und uns damit – wie sich selbst – in das Geschehen involviert.

 

Damit ist die Arbeit ein installatives Set, entlang dessen Linien sich ein interaktives Gefüge etabliert, in dem die subtilen Übergänge zwischen privatem und öffentlichem, spezialisiertem und allgemeinem Raum, zwischen Teilöffentlichkeit, Fachdiskurs, Privatem und urbaner Teilhabe diskutiert werden. Kleiner und Biermann thematisieren so eindringlich die verschiedenen Handlungsräume des Gesellschaftsraumes, seine Grenzen, Demarkationslinien und Übergänge. Sie politisieren den Raum in ihren fragmentarischen Aufnahmen weniger denn dass sie ihn sozialisieren und in seinen Handlungsfeldern miteinander in Beziehung setzen. Entlang der Kabelstränge beschreibt sich ein Wechsel, den jeder von uns zwar unbewusst tagtäglich professionell handhabt, dessen Grenzen allerdings immer auch einem dauernden Aushandlungsprozess unterworfen sind. Wo das Private anfängt und der Fachdiskurs aufhört, wo wir uns im geteilten Raum des Öffentlichen befinden oder nur unter ökonomischen Aspekten Teilhabe finden wird auch von der Kamera evaluiert, die sich zu den jeweiligen Bereichen Zugang verschafft.

 

Dass dieser Prozess wiederum im fachspezifischen Raum und Diskurs, in der Blackbox der Kunst (oder des Projektraums) kulminiert und der Betrachter dort nicht zum Voyeur, sondern entlang der poetisch collagierten Bilder zum stillen (wie außen zum aktiven)Teilhaber des Prozesses wird, verweist auf das inhärente Potenzial der Kunst, eben solche Bedeutungen gleichzeitig aus der Distanz zu diskutieren und direkt am Geschehen teilzunehmen. Wo Kleiner und Biermann durch die klar  subjektive Perspektive der Kamera sprechen und in ihren Bildern oft ausgewiesen undokumentarisch agieren, bleibt viel Raum für weitere Haltungen und Perspektiven, die sich in der Beurteilung des Betrachters, aber auch im Auge der freiwillig wie unfreiwillig beteiligten Öffentlichkeit ausbilden. Damit zeichnen sie ein Bild einer Gemeinschaft, die die Bedeutung ihrer Räume teilt, diskutiert und im steten Gebrauch selbst verwaltet.